Interview mit Konstantin Wecker (Auszüge)

Die Fragen stellten Nina Geib, Marie Kaletta und Michelle Weber (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

 

Building Memories - Interview mit Konstantin WeckerHaben Sie zum ersten Mal eine Schirmherrschaft übernommen für ein Theaterstück oder eine Oper?

Nein, ich habe mehrere Schirmherrschaften übernommen in meinem Leben, immer für Projekte, die mir natürlich sehr am Herzen lagen. Vor einem halben Jahr habe ich schon einmal für eine Theatergruppe die Schirmherrschaft übernommen, die Theater macht mit Flüchtlingen, das war mir auch sehr wichtig und das ist sehr schön geworden. Ansonsten, für eine Oper, da seid ihr jetzt, glaube ich, die ersten.

 

Warum haben Sie die Schirmherrschaft für die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ übernommen?

Weil ich finde, dass wir in diesen Zeiten alles versuchen sollten, womit wir darauf hinweisen können, dass diese schreckliche Geschichte Deutschlands kein „Fliegenschiss“ war, wie es Herr Gauland bezeichnete, und das ist so wichtig, weil es bestimmte Kreise gibt, die versuchen wollen, das kleinzureden. Insofern ist das ein ganz wichtiges Projekt. Ich kannte dieses Stück nicht, ich kannte auch den Autor nicht, bevor ich damit konfrontiert wurde, und ich halte es für sehr, sehr wichtig. Er hat das ja im KZ geschrieben, gell?

 

Ja, in Theresienstadt. Der Autor, Peter Kien, hat auch einige Gedichte geschrieben in Theresienstadt und hat damit Widerstand und Poesie miteinander verknüpft, wie Sie es ja auch in Ihrem Album machen, das „Poesie und Widerstand“ heißt – da haben wir eine Verbindung gesehen. Daher unsere Frage: Denken Sie, dass man mit Poesie etwas erreichen kann?

Ich glaube, dass man mit Poesie über 2000 Jahre schon sehr viel erreicht hat. Vielleicht das Wichtigste. Leuten wie mir wird immer die Frage gestellt, jetzt singst du seit 40 Jahren gegen die Ungerechtigkeit an, und schau dir mal die Welt an, das war doch alles sinnlos. Vielleicht ist die Fragestellung unfair, man sollte andersherum fragen. Was wäre, wenn es diese vielen Mosaiksteinchen, zu denen ich gehöre, zu denen aber auch ganz unbekannte Leute, Leute, die sich engagieren, Journalisten, wer auch immer, gehören – wenn es jetzt diese Mosaiksteinchen nicht geben würde, dann sähe alles noch viel beschissener aus.

Und man sollte noch etwas bedenken: Poesie ist eine Sprache, die die Herrschenden nicht verstehen, weil sie Angst haben; sie können wunderbar über Kriege, über Bewaffnung, über Militarismus reden, über Unterdrückung und Gefängnisse, aber sie haben Angst vor der Poesie. In jeder Diktatur werden als erstes die Dichterinnen und Dichter verbannt, werden Bücher verbrannt… das macht ihnen Angst. Denn die Poesie kann eben noch mehr, sie geht über die Ratio hinaus und rührt noch das Herz an. Und das, wissen sie, wird ihnen gefährlich.

 

Sie kennen sicher auch den Inhalt vom „Kaiser von Atlantis“.

Ja.

 

Erkennen Sie auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in dem Stück? Diese ist ja eigentlich eher versteckt.

Aber wer Symbole lesen kann, der versteht es. Das ist mein Hauptthema, im September kommt ein Buch heraus von mir, das heißt im Untertitel „Poesie ist Widerstand“. Da gehe ich immer wieder darauf ein, Worte sind Symbole und nicht zu Ende zu interpretieren. Und Symbole muss man lesen können. Überlegt mal, das Wort „Mond“ zum Beispiel, wenn man verliebt ist, ist der Mond etwas Schönes, wenn man mondsüchtig ist, ist der Mond etwas Furchtbares, wenn du Wissenschaftler bist, ist der Mond für dich etwas anderes als wenn du Romantiker bist und wie auch immer – so ein einfaches Wort wie „Mond“ beweist uns immer wieder, dass es nie eine gemeinsame Interpretation geben kann. Jeder sucht sich auch etwas Eigenes heraus aus den Worten. Und wir dürfen die Interpretationsherrschaft nicht den Herrschenden überlassen.

 

Im „Kaiser von Atlantis“ geht es auch darum, dass die Menschen nicht mehr sterben können. Wie würde ein Leben ohne Tod für Sie aussehen?

Ich glaube, das ist undenkbar, denn wenn man ein bisschen reflektiert, merkt man, dass der Tod im Leben immer schon da ist. Und man ist auch immer wieder gestorben. Und vielleicht gibt es dieses Unvergängliche, aber das hat dann nicht mit dem menschlichen Leben zu tun, sondern das ist irgend etwas anderes, was eben auch nur wieder vielleicht durch Musik oder Poesie erahnbar ist und was wir ganz bestimmt nicht rational erklären können. Aber ein Leben ganz ohne Tod, ein menschliches Leben ohne Tod, ist ganz sicherlich die Hölle.

 

Glauben Sie denn an Himmel oder ein Nachleben? Oder sind Sie eher atheistisch?

Nein, ich bin kein Atheist. Ich bin ein bekennender Agnostiker. Es ist möglich und es ist auch erahnbar – es gibt eine wunderschöne Zeile aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke: „Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit“. Die hätte ich gerne geschrieben, diese zwei Verse, aber das hat ja der Rilke schon gemacht. Aber genau das ist es, was in meinem wilden Herzen nächtigt, und wahrscheinlich in eurem auch.

 

Wir wollten Sie abschließend noch fragen, was Sie unserer Generation gerne mitgeben würden?

Erstens mal, Singen, weil man ein Lied hat – das kann man ja auch symbolisch verstehen und nicht nur auf die Kunst übertragen, sondern auf alles. Und es gibt ein Lied von mir über Sophie Scholl, in dem heißt es: „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen.“ Und ich finde, ganz wichtig ist, wenn ihr euch engagiert, solltet ihr nicht immer daran denken, werde ich gewinnen. Es geht darum, ob es in euch so wichtig ist, dass ihr es tun müsst. Denn immer nach dem Sieg zu trachten, ist auch schon wieder eine Methode der Herrschenden. Da ist die Sophie Scholl ein wunderbares Beispiel. Ich habe für ein Hörbuch den Polizisten gesprochen, der Sophie Scholl verhört hat, nach Originalprotokollen … das war unglaublich, mit welcher Sicherheit diese junge Frau geantwortet hat. Da kriege ich heute noch Gänsehaut, das ist unglaublich. Und sie hat sicher nicht gedacht in diesem Moment, sie wird die Nazis besiegen. Sie konnte nicht anders.

Neue Termine: Dokumentation/Filmmitschnitt zum "Kaiser von Atlantis"

Filmdokumentation: Am 12.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken
Live-Mitschnitt: Am 19.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken


Der Verein Ludwigshafen setzt Stolpersteine e.V. ist in der Planung und Durchführung neuer Projekte. In Kürze wird diese Seite umfassend erneuert.

Bis dahin können Sie sich über den "Kaiser von Atlantis" informieren.

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