Eine Welt ohne Tod

Kurzgeschichte

Von Melissa Neumann (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

Mein Wecker klingelte und holte mich in die Wirklichkeit zurück, nachdem ich gestern Abend vollkommen erschöpft von der Arbeit ins Bett gefallen war. Ich arbeitete in einem der vielen Seniorenhäuser, die wie Sand am Meer überall existierten, und die Zahl stieg immer weiter, da sich der Tod vor zwei Jahren sozusagen verabschiedet hatte. Das klingt vielleicht komisch, aber es stimmt, niemand starb mehr. Niemand. Ob Verletzte, Alte, Kranke, kein Mensch starb mehr. Am Anfang waren viele davon begeistert, natürlich, es war ja auch schön, dass eigentlich schon tot geglaubte Liebende nicht starben oder man selbst immer weiterleben konnte. Die Probleme dieser „neuen Macht der Menschheit“ zeigten sich aber schon gravierend nach einem Jahr. Dass keiner mehr starb, sorgte in geringer Zeit schon zu einer Überbevölkerung in mehreren Ländern, es gab Hungersnöte, die Zahl der Obdachlosen stieg unentwegt aufgrund des Platzmangels, vor allem in den ohnehin schon armen Ländern. Zu Beginn versuchte man sich noch gegenseitig zu helfen, bildete Hilfsorganisationen, aber als die Probleme im eigenen Land zu groß wurden, überließ man die anderen sich selbst. Der Arbeitsmarkt profitierte dagegen, Krankenhäuser und Seniorenzentren mussten gebaut werden, man brauchte Menschen, die sich um die kümmerten, die normalerweise eigentlich schon tot wären.

 

Das alles war jetzt schon zwei Jahre her und Tote gab es bisher immer noch nicht und ja wirklich, man wartete darauf, dass endlich wieder jemand starb. Die Regierungen waren mit der Situation von Anfang an nicht zurechtgekommen, hatten immer wieder neue Gesetze erlassen und andere außer Kraft gesetzt. In manchen Ländern eskalierte die Situation komplett und ich war froh, in einem der Länder zu leben, in denen nun zwar strikte Regeln und Einteilung herrschten, aber ich wenigstens nicht um mein Essen kämpfen musste. Ich weiß nicht, ob ich mir das jemals früher hätte vorstellen können oder überhaupt jemand, aber eine Welt ohne Tod konnte einfach nicht funktionieren, auch hier merkte man langsam, wie die Regierung nicht mehr wusste, was sie noch tun sollte. Ich starrte aus dem Fenster und blickte auf das Meer von Hochhäusern vor meiner Haustür. Da ich heute meinen freien Tag hatte, konnte ich meinen Kaffee in Ruhe trinken, bevor ich mit der Bahn zum Krankenhaus fahren würde. Auch ein neues Gesetz, Autos waren verboten. Der CO2-Ausstoß war so rasant gestiegen, dass wir hier auch schon Tage hatten, an denen wir wegen einer dicken Wolke aus Smog nichts sehen konnten. Durch die riesengroße Anzahl an Menschen waren nicht nur wir selbst belastet, sondern auch die Natur ging immer mehr kaputt. Aber was sollte man dagegen denn tun? Wie sollten wir das Problem aus der Welt schaffen, wenn wir das Problem waren?
Auch auf dem Weg zum Krankenhaus sah niemand so aus als könnte er die Probleme vergessen. „Die natürliche Ordnung fehlt“, hatte mein Opa an seinem stolzen 120. Geburtstag gesagt und dabei aus dem einen Mundwinkel gesabbert. Bei ihm konnte man wirklich sagen, er war nur noch Haut und Knochen. Und obwohl er nicht mehr der Hellste war, aber wer war das noch mit 120 Jahren, hatte er recht. Egal in welcher Religion oder Wissenschaft, der Tod gehörte zum Leben, aber niemand hatte sich Gedanken gemacht darüber, was wäre, wenn der Tod plötzlich nicht mehr dazu gehörte. Ich trat in den Schatten des riesigen Krankenhauses und blickte hasserfüllt auf das große blaue C an der Seite des Gebäudes. Eine einfache Einteilung unserer Regierung, es gab nun drei Arten von Krankenhäusern. Das rote A, das grüne B und das blaue C. Ihre Bedeutungen waren leicht zu erklären, was mich sie irgendwie noch mehr hassen ließ. Die Krankenhäuser mit dem roten A an der Seite waren Geburtszentren, von ihnen gab es, im Gegensatz zu C, sehr wenige. Auf Grund der Ein-Kind-Politik, die überall auf der Welt eingeführt worden war wegen der zu großen Bevölkerung, war die Geburtsrate innerhalb dieser zwei Jahre um mehr als die Hälfte gesunken und jeden Monat wurden Statistiken gezeigt, die bewiesen, dass sie immer weiter sank. Eigentlich hielt ich mich von Berichterstattung fern und sah mir nur an, welche neuen Gesetzte erlassen wurden, aber im Seniorenheim lief durchgehend der Fernseher. Viele der alten Menschen dort konnten nicht mal mehr einen Spaziergang machen, da ihr Körper einfach zu schwach war. Das Krankenhaus mit dem grünen B war für einfache Operationen und Verletzungen, für Armbrüche oder wenn du dir Mandeln entfernen lassen musstest. Wer hier hineinging, kam, wenn nichts schief ging, auch wieder heraus. Das war der Unterschied zu den Krankenhäusern mit dem blauen C, von deren Art es weitere sechs auf dem Gelände gab, nur in meiner Stadt. Wer dort eingeliefert wurde, kam nicht mehr heraus. Es war sozusagen das Todeskrankenhaus, obwohl niemand starb. Die Menschen, die dort in den Betten lagen, wären unter normalen Zuständen schon längst tot, gestorben an tödlichen Krankheiten oder Tumoren in ihren Köpfen, Tumoren, die immer mehr den Menschen auslöschten, der sie einmal waren.

 

„Hallo Jamie.“ Er sah von seinem Buch auf und lächelte mich breit an. Ich hatte sich daran gewöhnt, dass er nicht mehr redete, obwohl ich seine Stimme so sehr vermisste. Bei einer der vielen Operationen war der Teil des Gehirns beschädigt worden, durch den man reden konnte. Jedenfalls war das alles, was ich verstanden hatte, als der Arzt zu mir gekommen war, um mir den Zustand von Jamie zu erklären. Seine medizinische Begründung hatte ich durch das Rauschen, das in meinen Ohren immer lauter geworden war, nicht mehr hören können. „Wie geht’s dir?“ Jamie legte seine Hand auf das Bett, er hatte wie immer, wenn ich kam, Platz gemacht, damit ich mich zu ihm legen und ihm von meiner Woche erzählen konnte. Ich wusste, dass ihm jede Bewegung Schmerzen bereitete, selbst wenn die Schmerzmittel jeden Tag noch so sehr erhöht wurden. Bei dem Gedanken daran, wie sehr er litt, stiegen mir die Tränen in die Augen, aber für Jamie schluckte ich sie wieder herunter und versuchte zu lächeln, obwohl mein Herz jedes Mal brach, wenn ich ihn sah. Vorsichtig legte ich mich zu ihm und kuschelte mich an seine Brust, vergrub meine Nase in seinem Geruch, den ich unter dem desinfizierten Krankenhausgestank noch erahnen konnte. Er legte eine Hand um meine Hüfte und drückte mich näher an sich und mit der anderen streichelte er beruhigend meinen Nacken. Vielleicht konnte ich meine Gefühle doch nicht so gut verstecken wie ich dachte. Langsam fing ich an, von meiner Woche zu erzählen, versuchte es irgendwie witzig und aufregend für Jamie zu gestalten. Manchmal wurde sein Lächeln breiter und er riss erstaunt die Augen auf und durch seine Reaktionen, überhaupt einfach nur durch ihn, fühlte ich mich zum ersten Mal seit einer Woche wieder halbwegs okay. Ich konnte sogar ein bisschen vergessen, dass die Welt da draußen gerade dabei war unterzugehen. „Ich vermisse dich so sehr.“ Jamie sah traurig auf mich herab, ich wusste, was er sagen wollte, ich dachte es auch selbst immer. Wieso konnte nicht alles nur ein böser Traum sein, aus dem wir beide erwachen würden, in einer ganz normalen Welt. „Ich liebe dich!“ Ich wusste, wenn er könnte, würde er antworten, mir sagen, dass er mich auch liebte, aber das konnte er nicht, also war es still im Krankenzimmer. So still, dass ich seinen Herzschlag hören konnte und ich hasste diesen Herzschlag. Denn sein Herz würde immer weiter schlagen und er würde immer weiter leiden und ich könnte nichts dagegen tun. Ich könnte nichts dagegen tun, dass ich irgendwann in dieses Zimmer kommen und nicht mehr Jamie finden würde, den ich so sehr liebte. Irgendwann würde hier nur noch ein Körper liegen, dessen Herz immer noch schlägt, aber von Jamie, von Jamie würde nichts mehr übrig sein.

Neue Termine: Dokumentation/Filmmitschnitt zum "Kaiser von Atlantis"

Filmdokumentation: Am 12.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken
Live-Mitschnitt: Am 19.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken


Der Verein Ludwigshafen setzt Stolpersteine e.V. ist in der Planung und Durchführung neuer Projekte. In Kürze wird diese Seite umfassend erneuert.

Bis dahin können Sie sich über den "Kaiser von Atlantis" informieren.

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