Die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ als Akt des Widerstands

Von Michelle Weber (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

Die Äußerung von Kritik und Widerstand ist nicht auf Streiks oder Demonstrationen begrenzt, auch in der Kunst findet und fand dieses Bestreben, etwas ändern zu wollen und den Menschen die Augen zu öffnen, ein Zuhause. Der „Kaiser von Atlantis“ ist ein solches Beispiel für Widerstand durch Kunst, was besonders in Anbetracht der historischen Gegebenheiten hoch interessant und beeindruckend ist. Sowohl Komponist als auch Librettist waren in Theresienstadt, dem Vorzeigeghetto der Nazis, festgesetzt. Dadurch hatten sie den Häftlingen anderer Konzentrationslager das „Privileg“ voraus, künstlerisch aktiv sein zu dürfen, um beispielsweise eine Oper zu entwerfen und zur Aufführung zu bringen.

Selbst in Anbetracht der Tatsache, dass der „Kaiser von Atlantis“ fragmentarisch geblieben ist und erst 30 Jahre nach seiner Entstehung uraufgeführt wurde, ist seine Botschaft nicht weniger wichtig und bleibt bis heute ein eindrucksvolles Beispiel für Widerstand durch Kunst.

 

Das Nazi-Regime inklusive seiner Auffassung und Umsetzung der nationalsozialistischen Prinzipien ist primärer Adressat der Kritik, die in der Oper zum Ausdruck gebracht wird. Daneben werden auch vorherrschende Einstellungen wie die Notwendigkeit eines Krieges zum Zweck der Machtfestigung und Durchsetzung politischer Ziele oder Krieg und die damit einhergehenden Schrecken im Allgemeinen kritisiert.

Um die beschriebene Kritik zu bemerken, muss man sich als Zuschauer nicht einmal akribisch genau mit der Textgrundlage auseinandersetzen, sondern einfach der Handlung folgen, einer Handlung, die im Gegensatz zu anderen künstlerischen Schöpfungen der damaligen Zeit keine nichtssagende und rein der Unterhaltung dienende Beschwichtigungsideologie transportiert, sondern eine politische Äußerung als Weckruf an Humanismus und Menschlichkeit darstellt.

 

Indem der sinnbildliche Tod sich der „Verfügbarkeit“ durch Overall verweigert und diesem somit seine Machtgrundlage entzieht, wird offengelegt, auf welchen Prinzipien das Herrschaftssystem der Nationalsozialisten aufgebaut war. Die Vormachtstellung des Machthabers beruht darauf, seinem Volk zu drohen und es in Todesangst zu versetzen, um allumfassend herrschen zu können. Auch wird durch die Todverweigerung untermauert, dass es nicht den „Gesetzen der Natur“ entspricht, als einzelner Mensch über Leben und Tod zu entscheiden oder entscheiden zu wollen.

 

Wegen der unübersehbaren Parallelen der Bühnenhandlung zum Nationalsozialismus und zum damaligen Regime wird sich den Zuschauer als erste Assoziation sicherlich der Vergleich von Overall mit Adolf Hitler aufdrängen. Und dieser Gedanke ist keinesfalls abwegig, denn das Libretto bietet in der Tat mehr als genug Anspielungen und Verweise, ob direkt oder indirekt.

Beginnen wir mit Overalls Wohnsituation, wie sie in der Oper dargestellt wird. Er lebt eingeschlossen in einem riesigen Palast, allein. Dies dient dem Ausdruck der Abgehobenheit Overalls gegenüber den restlichen Bewohnern von Atlantis. Er koordiniert alles aus reichlicher Entfernung, seiner Befehle werden durch den Lautsprecher weitergeleitet, seine Proklamationen durch den Trommler im Volk verbreitet. Overall gibt die Anweisungen und wartet darauf, dass sie umgesetzt werden, er ist der Marionettenspieler, der Spielmacher. Die negativen Auswirkungen für alle außer sich selbst sind ihm egal, denn er würde sie sowieso nicht zu spüren bekommen. Dann aber verweigert sich der Tod, weil Overall, von Verblendung und Machtgier getrieben, die Dreistigkeit besitzt, sich selbst mit dessen Gebieter gleichzusetzten. Und seine Vormachtstellung gerät gefährlich ins Wanken.

Kommt einem bekannt vor, oder?

Beschäftigt man sich mit dem Ende des Stücks, ist die Antwort auf die Frage nach der Bedeutung Overalls jedoch nicht mehr so klar, wie sie zunächst scheint. Wenn Hitler als Vorbild für die Figur des Overall diente, warum sollte der dann etwas derart Selbstloses tun wie sich selbst zu opfern, um die Lebenszustände seines Volkes zu verbessern? Ist die Schlussszene eine Vorwegnahme des Selbstmords Adolf Hitlers, mit dem die Schreckensherrschaft in Deutschland endlich endete? Oder entzieht sich dieses Kunstwerk eben doch einer einfachen Übertragung auf die Zeitumstände?

 

Wie bereits erwähnt, richtet sich die in der Oper geäußerte Kritik auch gegen Krieg im Allgemeinen, deutlich wird dies besonders in der Szene zwischen Bubikopf und Soldat. In Arie und Duett wird der gravierende Unterschied zwischen Krieg und Frieden hervorgehoben. Zum einen werden die unmenschlichen Zustände, die im Krieg herrschen, beschrieben und es wird gezeigt, wie im Krieg menschliche Werte negiert werden. Zum anderen wird als utopisches Gegenbild eine Gesellschaft gezeichnet, die von Liebe und Mitmenschlichkeit geprägt ist.

 

Als weiterer Aspekt wird die Beeinflussung der Menschen durch Propaganda, ganz im Stil der Nationalsozialisten, in den „Kaiser von Atlantis“ mit eingebunden. Der Lautsprecher beschreibt den Trommler in seiner Einführung als „nicht ganz wirkliche Erscheinung, wie das Radio“ und da bekannt ist, dass das Radio das liebste Propagandainstrument der Nazis war, lässt sich auch die Wirkungsweise der Figur des Trommlers dahingehend deuten. Bereits zu Beginn beim Loblied des Trommlers auf Overall, nicht nur aber auch dort, ist diese Parallele nicht zu übersehen. Systematisch zieht sich die offensichtliche Verwendung von Propaganda durch das Libretto. Dass diese überhaupt als solche erkannt werden kann, liegt nicht etwa daran, dass wir Menschen aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus gelernt haben, nicht mehr auf manipulatives Gerede hereinzufallen, sondern beruht auf der im Stück gegeben Möglichkeit, die wahren Zustände als Kontrast zu den offiziellen Verlautbarungen sehen zu können.

Aber Kunst und Kreativität dienten den Insassen in Theresienstadt nicht nur als Mittel zur Gegenwehr, sondern auch und vorrangig als Mittel zum Überleben.

Umso wichtiger ist es, das Stück nicht allein als politisches Manifest zu betrachten, sondern es in seiner künstlerischen Gänze zu sehen und ebenso als gelungene und willkommene Ausflucht aus einer niederschmetternden Realität zu honorieren. Und sich seine glorreichen Ausmaße vorzustellen, wäre der „Kaiser von Atlantis“ bereits zu seiner Entsehungszeit uraufgeführt worden.

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