Die Entstehungsgeschichte von ‚‚Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“

Aylin Mutlu (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

Die Oper ‚‚Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung‘‘ entstand während des zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Theresienstadt. Vielen Insassen, die auf dem Weg zum Konzentrationslager waren, wurde erzählt, dass dieses Lager eine eigene Stadt für die Juden ist und sie dort nun „freier“ leben könnten. Dies war jedoch eine Lüge der Nationalsozialisten, denn in Wirklichkeit nutzten sie das Konzentrationslager Theresienstadt als Sammel- und Durchgangslager für Juden, die auf dem Weg zum Vernichtungslager Auschwitz waren. Das NS-Regime verwendete Theresienstadt für Propagandazwecke und drehte einen Dokumentarfilm über die angeblich guten Lebensverhältnisse der Juden, die dort untergebracht waren. Andere Staaten und große Organisationen wie das Rote Kreuz sollten durch den euphemistischen Propagandafilm ein gutes Bild von den Nationalsozialisten bekommen, die jedoch nur versuchten, die Vernichtungspolitik des NS-Regimes zu verschleiern.

Tatsächlich ging im Ghetto Theresienstadt der Albtraum der Juden weiter. Zwar gab es Wohnungen, die aufgrund der vielen Deportationen nicht lange besetzt waren und somit schnell frei wurden, jedoch mussten viele weiter in erbärmlichen Umständen leben, da es zu viele Gefangene im Lager gab. Im Gegensatz zu anderen Konzentrationslagern verfügte das Konzentrationslager Theresienstadt über Kinos und Cafés, die die Juden in ihrer Freizeit besuchen konnten. Des Weiteren gab es viele Abteilungen mit kulturellen Aktivitäten, die Juden organisierten, die dafür vom SS-Kommando freigestellt wurden.

Im September 1942 wird der Komponist Viktor Ullmann nach Theresienstadt gebracht. Dort lernt der nun Gefangene während seiner Freizeit den Schriftsteller und Maler Peter Kien kennen. Beide entscheiden sich 1943/1944 dazu, ein Stück über das Sterben zu schreiben, was an sich schon bemerkenswert ist. Denn, dass das Stück auf Hitler und den Weltkrieg bezogen ist, würde jeder sofort erkennen. Vermutlich wird der Text im Laufe der Zeit von Kien und Ullmann immer wieder an manchen Stellen umgeschrieben, um allzu direkte Anspielungen zu vermeiden. Während ihren Freizeitstunden arbeiten sie an ihrem Stück. Ihre Kompositionen schreiben sie auf die Rückseiten von Deportationslisten. Möglicherweise ist nur sehr wenig Papier im Konzentrationslager Theresienstadt zu ergattern, da unter den Gefangenen auch viele weitere Schriftsteller und Musiker zu finden sind, die ebenso Papier brauchen. Nachdem Viktor Ullmann und Peter Kien ihre Kompositionen fertiggestellt haben, wendet sich Ullman der Inszenierung des Werks zu. Mit anderen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt studiert Ullmann das Stück ein. Die Besetzungsliste der Kammeroper besteht aus sieben Sängern und dreizehn Instrumentalisten, es ist kein Chor vorgesehen. Es wird vermutet, dass Ullmann schon beim Komponieren eine gewisse Vorstellung davon hat, welcher Musiker welchen Part übernimmt. Noch im Sommer 1944 wird das Stück weiterhin im Rahmen der Freizeitstunden geprobt, jedoch kommt es nach der Generalprobe nicht mehr zu einer Aufführung der Oper ‚‚Der Kaiser von Atlantis‘‘. Bevor Viktor Ullmann und Peter Kien nach Auschwitz deportiert werden, geben sie ihr Werk dem Leiter der Bibliothek in Theresienstadt. Dieser versteckt die Partitur und veröffentlicht sie, nachdem der Krieg ein Ende hat.

Es ist bis heute unklar, warum es nie zu einer Aufführung der Oper in Theresienstadt kam. Möglicherweise wurden viele der mitwirkenden Musiker nach Auschwitz deportiert, bevor die Proben abgeschlossen waren. Ein Grund für die Deportation könnten die politischen Anspielungen auf Hitler sein, die erkennbar wurden und aus denen schwere Konsequenzen resultierten. Es ist ebenso möglich, dass Akteure darauf verzichtet haben, ihre Rolle zu spielen, da sie dachten, dass die Aufführung bei dem SS-Kommando wütende Reaktionen verursachen könnte und sie nach Auschwitz deportiert werden würden und keine Chance mehr hätten, den Krieg zu überleben. Ebenso wahrscheinlich ist es, dass die Nationalsozialisten auf das Stück aufmerksam wurden und seine Aufführung verboten haben. Der genaue Grund lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

‚‚Der Kaiser von Atlantis‘‘ ist ein Werk, dessen Entstehung viel Mühe und Mut erforderte. Trotz ihrer Situation im Konzentrationslager Theresienstadt haben die beiden Künstler es geschafft, in kurzer Zeit eine Oper zu komponieren und die Inszenierung dafür zu entwerfen. Der Mut, den sie hatten, ist enorm, denn Anspielungen auf Hitler in einem Stück unterzubringen, das sie in einem Konzentrationslager aufführen wollten, ist keine harmlose Aktion. Umso bedauerlicher ist es, dass Viktor Ullmann und Peter Kien nie das Schlussresultat ihres Meisterwerks miterleben konnten.

 

Quellen:

http://www.ghetto-theresienstadt.info/ [zuletzt aufgerufen am 05.06.2018 um 18:30 Uhr]

https://www.zeit.de/1992/19/brisant-oder-glatt [zuletzt aufgerufen am 05.06.2018 um 19:15Uhr]

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kaiser_von_Atlantis [zuletzt aufgerufen am 06.06.18 um 19:15 Uhr]

https://www.welt.de/print-welt/article501510/Viktor-Ullmann-der-Sinnsucher-von-Theresienstadt.html [zuletzt aufgerufen am 05.06.2018 um 18:00 Uhr]

Neue Termine: Dokumentation/Filmmitschnitt zum "Kaiser von Atlantis"

Filmdokumentation: Am 12.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken
Live-Mitschnitt: Am 19.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken


Der Verein Ludwigshafen setzt Stolpersteine e.V. ist in der Planung und Durchführung neuer Projekte. In Kürze wird diese Seite umfassend erneuert.

Bis dahin können Sie sich über den "Kaiser von Atlantis" informieren.

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