Der Trommler

Von Angelo Alongi (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

In Kriegen war es gerade zu Zeiten ohne Smartphone und Internet üblich, dass der Kriegsherr einen Beamten in Dörfer schickte, um die neuesten Ankündigungen des Königs ans Volk zu bringen oder die Truppen einzuziehen, also sozusagen die Armee „zusammenzutrommeln“.

Der Trommler im Stück „Der Kaiser von Atlantis“ erfüllt eben diese Funktion. Er übermittelt dem Volk die Reden von oberster Hierarchie „im Namen seiner Majestät des Kaisers Overall!“. Der Trommler dient Overall, sofern man Vergleiche zur düsteren Vergangenheit ziehen mag, als Propagandamaschine. Durch ihn verkündet Overall den Menschen seine Ziele, jedoch so positiv und stark formuliert, dass das einfache Volk nicht hinter seine Gedanken von Krieg und Zerstörung kommt.

Der Trommler definiert sich allein durch seine Trommel, sein Name lässt sich nur auf sein Werkzeug zurückführen. Hier erkennt man schon, dass er keine eigene Persönlichkeit hat bzw. diese unterdrückt wird, wie es auch zur NS-Zeit üblich war. Seine eigene Meinung wird ihm durch Unterdrückung genommen und die Ideologie des Kaisers Overall ins Hirn eingebrannt, sodass er nur noch so getrübt denken kann. Es wirkt, als wolle der Trommler den Krieg um jeden Preis weiterführen. Jedoch ist es der Wille des Kaisers, dem er Folge leistet, sei es seine eigene Überzeugung oder nicht. Im Stück kümmert sich der Kaiser nicht um das Befinden oder die Einstellung des Volkes. Ihm geht es ausschließlich darum, Krieg zu führen.

An dieser Stelle könnte man wieder eine Parallele zum Faschismus im zweiten Weltkrieg ziehen, jedoch mit dem Unterschied, dass „der Führer“ das Volk durch seine Propaganda – traurig, aber wahr – weitestgehend von der Notwendigkeit des Kampfes überzeugen konnte. Dies gelingt Overall im Stück nicht, wie man am Beispiel Bubikopf und Soldat sieht. Der Trommler berichtet, dass der Tod nicht mehr eintritt, daher sehen die zwei Kämpfenden keinen Grund mehr, sich weiter zu bekriegen und verlieben sich ineinander. Das entspricht ganz und gar nicht Overalls Vorstellung. Daher versucht der Trommler, den Soldaten an seine „Pflicht“ zu erinnern. Jedoch vergebens. Es ist aber auch mehr als verständlich, dass der Soldat sich lieber mit dem Mädchen vergnügt, als auf den Trommler zu hören, der ihm sagt, auf ihn warte der Kampf und der Tod. Daher lässt sich sagen, dass Overalls „Propagandamaschine“ nicht wie gewünscht funktioniert.

Auffallend beim Trommler ist sein Geschlecht. Der Trommler ist eine Trommlerin, was ein Zuschauer so nicht erwartet. Denn das Trommeln gerade in Bezug auf Krieg ist in unseren Köpfen klare Männersache. Da erstaunt es den Zuschauer natürlich zunächst einmal, wenn eine Frau diese Rolle spielt. Dass eine Frau eine Männerrolle singt, könnte damit zusammenhängen, dass es in Theresienstadt keinen passenden Sänger gegeben hat, weshalb Ullmann eine Frau aussuchte und die Rolle des Trommlers für diese im Stimmfach Alt/Mezzosopran geschrieben hat. Man könnte aber auch meinen, dass Ullman ganz bewusst eine Frau als Mitleiterin des Regimes um Overall einsetzt, um auf die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus anzuspielen. Nach Auffassung der Nazis war es nämlich sehr wichtig, dass Frauen sportlich, gesund und stark aufwachsen, was besonders deutlich wird, wenn man beispielsweise den „Bund der Deutschen Mädel“ betrachtet. Das weibliche Äquivalent zur Hitlerjugend war von Hitler eingesetzt und hatte das Ziel, deutsche Frauen heranzuziehen, die viele Kinder gebären sollten, denn das brachte viele Truppen. Nach Hitler konnten nur starke Frauen auch starke Kinder zur Welt bringen, also erzog der BDM die Mädchen sportlich, außerdem lehrte er sie die Hausarbeit für ihr künftiges, vorhergesehenes Leben als Hausfrau und Mutter. Also wurde bei den Mädchen damals genauso Hirnwäsche betrieben wie bei den Jungen, damit sie die faschistische Ideologie von Kindesbeinen an wirklich verinnerlichen. Da liegt es nicht allzu fern, dass diese Mädchen auch als Autorität im Regime handeln, obwohl es nicht dem traditionellen Frauenbild entsprach. Das könnte Ullmanns und Kiens inhaltliche Absicht gewesen sein, nämlich eine starke, arische Frau nach Leitbild der Nazis zu veranschaulichen und darzustellen.

Der Entwurf des Kostüms des Trommlers zeigt ein Mädchen mit blonden Zöpfen à la Pippi Langstrumpf, was sie eigentlich ganz süß wirken lässt. Dieser Eindruck ist jedoch nur im ersten Augenblick so. Bei genauerem Hinsehen schwindet dieser sofort, denn sie zeigt sofort ihre Autorität. Ihr Kostüm ist komplett schwarz, ihre Haut aber ganz weiß. Sie wirkt geheimnisvoll, gespenstisch, fast wie ein Zombie. Zudem kommen noch die schwarzen Augen, Lippen, Fingernägel und das Hakenkreuz auf ihrem Gesicht. Der Regisseur lässt mit diesem Kostüm zwei komplett unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, nämlich zum einen das süße, kleine, blonde, unschuldige Mädchen, zum anderen die gruselige Nazi-Braut mit Lederjacke und Lackschuhen. Zudem schüchtert sie einen mit ihrer riesigen Trommel in den Nazi-Farben Weiß, Rot und Schwarz und den dazugehörigen roten Schlagstöcken ein.

Neue Termine: Dokumentation/Filmmitschnitt zum "Kaiser von Atlantis"

Filmdokumentation: Am 12.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken
Live-Mitschnitt: Am 19.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken


Der Verein Ludwigshafen setzt Stolpersteine e.V. ist in der Planung und Durchführung neuer Projekte. In Kürze wird diese Seite umfassend erneuert.

Bis dahin können Sie sich über den "Kaiser von Atlantis" informieren.

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