Das Werk in der Tradition mittelalterlicher Totentänze und der Commedia dell’Arte

Von Michelle Weber (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

 

Sie durften in diesem Programmheft bereits Texte lesen, die sich mit der inhaltlichen Deutung des Theaterstücks auseinandersetzen. Doch auch ein Blick auf die darin verwendeten Theaterformen liefert interessante Aspekte für die Gesamtaussage des Stücks.

 

Tatsächlich lässt sich das Werk von Peter Kien und Viktor Ullmann in die literatur- und theatergeschichtliche Tradition einordnen. So lassen sich, passend zur allegorischen Darstellung des Todes, viele Elemente des Totentanzes finden. Dieser hat seine Blüte im Mittelalter, zur Zeit der stärksten Pestepidemien um 1340. Allgemein gesagt stellt der mittelalterliche Totentanz die Macht und den Einfluss des Todes auf das menschliche Leben dar. So auch im Kaiser von Atlantis, doch wird hier die Macht des Todes nicht wie traditionell üblich durch den Tanz des personifizierten Todes mit den Toten ausgedrückt, sondern gerade durch dessen Verweigerung, tätig zu werden, und die daraus resultierenden Folgen, sowohl für die Machthaber als auch die Bürger in Atlantis.

Totentänze transportieren im Mittelalter noch andere Botschaften. Sie sollen etwa den Menschen helfen, schlimme oder traumatische Erlebnisse wie beispielsweise die Pest zu verstehen.

Da Tanzen im Allgemeinen eher als wild und ordinär angesehen wurde und in einer christlich geprägten Epoche als schwerwiegender Verstoß gegen geltende Werte und Weltanschauungen aufgefasst wurde, könnte die Darstellung von tanzenden Toten auch als kritische Äußerung zu überkommenen und veralteten Einstellungen interpretiert werden. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass die Totentänze zeigen, dass alle Stände gleichermaßen vom Tod betroffen sind, der Tod also alle gleich macht. Auch dieser Aspekt zeigt, welches kritische Potential im mittelalterlichen Totentanz steckt.

Betrachtet man die Verwendung des Totentanz-Motivs im „Kaiser von Atlantis“, so lässt sich feststellen, dass die traditionellen Elemente aufgegriffen und teilweise abgewandelt werden. Das Tanz-Intermezzo „Die lebenden Toten“ (Nr.13) stellt ein Beispiel für die Einbindung des mittelalterlichen Totentanzes in der Oper dar; die Kritik richtet sich hier gegen die schrecklichen Lebenszustände während des NS-Regimes.

 

Beschäftigt man sich mit weiteren historischen Theaterformen, so erkennt man im „Kaiser von Atlantis“ auch Züge der italienischen Commedia dell‘Arte. Dieses Stehgreif- und Improvisationstheater findet in seiner Grundform natürlich keinen Eingang in die Oper. Die Devise „maximales Vergnügen bei minimaler geistiger Anstrengung“ kann nicht auf den „Kaiser von Atlantis“ übertragen werden. Die Tod-Verweigerung hat eine Aussageabsicht! Sie soll zum Nachdenken animieren und setzt sich mit einer heiklen Thematik auf verschlüsselte Art auseinander.

Vielmehr ist es das Figureninventar der Theaterform Commedia dell‘Arte, die in das Werk mit eingebunden wurde. Wie in der Kammeroper auch gibt es in der Commedia dell’Arte nur eine Handvoll Schauspieler oder Hauptakteure, mit der Besonderheit, dass es sich bei ihren Rollen um immer gleichbleibende Gesellschaftstypen handelt. Von ihnen gibt es sechs Stück: Herren, Alte, Reiche, Diener, Junge und Arme. Diese Figuren sind jeweils für spezifische Absichten, Handlungsarten und Lebenseinstellungen bekannt. Im „Kaiser von Atlantis“ sind mit diesem Vorwissen und einem genaueren Hinschauen einige dieser Gesellschaftstypen zu identifizieren. So ist die Figur des Harlekin abgeleitet von der Rolle des Arlecchino, einem Diener, der das Publikum begeistert, da er im Mittelpunkt lustiger Verwicklungen steht.

Quellen:

http://www.rowane.de/html/totentanz.htm [Seite zuletzt aufgerufen am 10.06.2018]

http://querzeit.org/gesellschaft/totentanz [Seite zuletzt aufgerufen am 10.06.2018]

Thomas A. Herrig und Siegfried Hörner: Darstellendes Spiel und Theater: Schülerband. Paderborn (Schöningh Verlag) 2012