Analyse der Musik der Oper „Der Kaiser von Atlantis“

Nina Geib und Marie Kaletta (Heinrich-Böll-Gymnasium Ludwigshafen am Rhein, LK Deutsch)

 

In der Oper treten insgesamt sieben Personen auf, die als allegorische Figuren angelegt sind: Kaiser Overall, der Trommler, der Lautsprecher, ein Soldat und ein Mädchen, der Tod und der Harlekin. Die einzelnen Figuren werden im Prolog vom Lautsprecher jeweils mit einem für sie eigenen musikalischen Motiv vorgestellt, das teilweise im Laufe der Oper wieder aufgegriffen und leitmotivisch verwendet wird.

 

Mit dem markantesten Motiv verschafft sich der Lautsprecher gleich zu Beginn der Oper Gehör. Er ruft: „Hallo, hallo“ und kündigt damit die Vorstellung der Figuren an. Sein Motiv besteht aus zwei ineinander verschränkten Tritonus-Intervallen. Dieses Intervall wird auch als „Teufelsintervall“ bezeichnet und ist in sich instabil. Ullmann zitiert mit diesem Intervall den Beginn der Sinfonie Josef Suks, die den Beinamen „Asrael“ trägt und ebenfalls mit dieser Tonfolge beginnt. Asrael ist im Alten Testament der Engel, der die Seelen der Toten mitnimmt und sie ins Paradies bringt. In der Oper kommt dieses Motiv an vielen Stellen sowohl im Orchester als auch in den Singstimmen vor.

 

Auch der Harlekin hat ein sehr einprägsames musikalisches Motiv. Seine besondere Eigenschaft, gleichzeitig lachen und weinen zu können, spiegelt sich in der Musik zum einen in den kurzen und fröhlich klingenden Staccato-Tönen wider, zum anderen in einem Pianissimo, was traurig und resigniert wirkt. Aber auch bei den anderen Figuren passt die musikalische Gestaltung zu ihren Eigenschaften, beispielsweise beim Soldaten, den man regelrecht marschieren hört.

 

Dass Ullmann außer aus Suks Sinfonie auch noch aus vielen anderen Werken bekannter Komponisten zitiert hat, kann man z. B. an dem Duett sehen, das der Harlekin mit dem Tod zusammen singt. Hier wird thematisch auf Dvořáks Requiem zurückgegriffen, wenn die beiden fragen: „Wer kauft Tage?“ Die darauf folgende Arie des Todes geht in die Form des Blues über, der sich durch rhythmische und harmonische Kadenzen auszeichnet. Der Blues hatte seinen Ursprung in  Amerika und wurde von Sklavenarbeitern bei der Arbeit auf dem Feld gesungen – die Häftlinge könnten so einen Bezug zu sich hergestellt haben.

 

Die Figur des Trommlers steigt mit einer chromatischen Version von ,,Deutschland, Deutschland über alles“ ein. Umrahmt wird dieses variierte Deutschlandlied wieder von dem „Hallo“-Ruf. Das Besondere daran ist, dass hier nicht eine Durtonart verwendet wird, was generell für Hymnen üblich ist, die meist feierlich und pathetisch klingen. Diese Arie klingt eher traurig und nach der Verwendung einer Molltonart. Inhaltlich geht es an dieser Stelle darum, dass der Trommler in Overalls Namen den Krieg aller gegen alle ausruft und Overall als alleiniger Herrscher angepriesen wird. Durch die Diskrepanz zwischen der Textaussage und der musikalischen Gestaltung wird indirekt Kritik geübt.

 

Nachdem der Tod, dem das sinnlose Abschlachten der Menschen im Krieg zuwider ist, seinen Dienst eingestellt hat, kann nun keiner mehr sterben und so müssen alle, auch die schwer Verwundeten und Kranken, immer weiterleben und –leiden. Daraufhin preist Kaiser Overall in seiner Arie die Tod-Verweigerung dem Volk als ein vom Staat gegebenes Geschenk an. Musikalisch wird am Ende der Arie eine Stelle aus Richard Wagners „Siegfried“ paraphrasiert. Der Text hierzu ist aus dem 1. Korintherbrief (1 Kor 15,55) aus dem Neuen Testament entnommen und lautet: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?!“ Im christlichen Kontext ist hiermit gemeint, dass der Tod nicht gefürchtet werden muss, da durch das Sterben Christi der Tod überwunden und die Hölle besiegt ist. Daher hat auch Johannes Brahms in seinem Requiem auf diese Bibelstelle zurückgegriffen.

 

Auch das Finale hat eine musikalische Besonderheit. Nachdem der Kaiser auf den Vorschlag des Todes, diesem als erster zu folgen, eingegangen ist, wird im Schlusschoral davor gewarnt, den Tod als ein sinnloses Abschlachten zu betrachten. Vielmehr sollte er der würdige Abschluss eines Lebens sein. Viktor Ullmann verwendet hier die Melodie des Luther-Chorals „Eine feste Burg ist unser Gott“.

 

Die Musik Viktor Ullmans ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden ist und gehört der Musikepoche der Moderne an. Mit ihren atonalen Klängen weist sie die typischen Merkmale dieser Epoche auf. Der atonalen Musik liegt die chromatische Tonleiter zugrunde, deren Harmonik nicht auf ein tonales Zentrum gründet und die nicht auf einen Grundton fixiert ist. Daher klingt sie für den Hörer atonal. Diese Art von Musik entspricht aber nicht dem, was Hitler als Kunst ansieht. Die Musik, die von Hitler gewollt ist und die von der Regierung propagiert wird, muss gewisse Aufgaben erfüllen und der NS-Ideologie dienen. Für diesen Zweck ist es von Vorteil, wenn die Melodien und Rhythmen einfach sind, wie z. B. in Volksliedern, damit sich die Menschen die Lieder und deren Inhalte gut und schnell merken können. Die Musik wird also von den Nazis als Instrument missbraucht, mit dem man Massen indoktrinieren kann, indem man den Menschen beim Singen ein Gefühl für Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft gibt und ihnen gleichzeitig nationalsozialistische Inhalte vermittelt. Da Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis“ im Musikstil des 20. Jahrhunderts, also der Moderne, komponiert ist, gilt sie den Nationalsozialisten wie viele Werke in dieser Zeit als „entartete Musik“.

Viktor Ullmann hat seine Oper „Der Kaiser von Atlantis“ in Theresienstadt komponiert. Da Viktor Ullmann nur auf Sänger und Musiker aus dem Lager zurückgreifen konnte, ist die Musik nicht für ein vollständiges Orchester komponiert, sondern für die Instrumente, die ihm im Lager zur Verfügung standen. Die Oper wurde bis zur Generalprobe im September 1944 einstudiert, aber es kam nie zur Aufführung, da die Sänger und Musiker alle nacheinander in weitere Konzentrationslager deportiert wurden.

Nur durch glückliche Zufälle sind Aufzeichnungen der Oper erhalten, durch die uns heute Aufführungen im Gedenken an die vielen Opfer des Holocaust überhaupt möglich sind.

 

Neue Termine: Dokumentation/Filmmitschnitt zum "Kaiser von Atlantis"

Filmdokumentation: Am 12.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken
Live-Mitschnitt: Am 19.11. in der VHS Ludwigshafen | Details hier klicken


Der Verein Ludwigshafen setzt Stolpersteine e.V. ist in der Planung und Durchführung neuer Projekte. In Kürze wird diese Seite umfassend erneuert.

Bis dahin können Sie sich über den "Kaiser von Atlantis" informieren.

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